Ruhrgebietsphysiker Dr. Jens Dreyer über seine Antarktisüberwinterung


In einem ersten Interview berichtet Dreyer über den harten Winter im ewigen Eis, die Jagd nach Neutrinos und kulinarische Ausflüge in die Ruhrgebietsküche auf der Südpolstation.

RUB: Herr Dr. Dreyer – Sie waren nun für acht Monate zusammen mit 48 anderen Menschen am Südpol komplett von der Außenwelt abgeschottet. Was ist das für ein Gefühl, nach so langer Zeit wieder in der Zivilisation zu sein?

JD: Die ersten Spuren der Zivilisation kamen ja mit den ersten Flugzeugen zum Pol. Das war schon etwas seltsam, ich habe mich da ab und zu zurückgezogen weil mir das irgendwie zu anstrengend mit den vielen Leuten wurde. Als ich dann in Neuseeland gelandet bin – das war der erste Zwischenstopp auf dem Weg nach Deutschland – roch anfangs alles ganz intensiv und man schlief viel besser. Am Südpol ist ja die Luft total dünn und es gibt keine Pflanzen.

RUB: Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ein Jahr am geographischen Südpol zu verbringen?

JD: Ich war schon länger daran interessiert, an den Südpol zu gehen. Dabei übte es eine besondere Faszination auf mich aus, dort auch mal einen Winter zu verbringen. Eben aufgrund der Isolation und der Dunkelheit, ich sah darin neben einer Herausforderung auch die Möglichkeit, viele neue Eindrücke zu gewinnen.

RUB: Entsprach der Aufenthalt in etwa Ihren Erwartungen oder war vieles anders als Sie es sich vorgestellt haben?

JD: Ach, ich hatte gar nicht so viele konkrete Erwartungen, außer vielleicht, dass es dunkel und kalt sein würde [lacht]. Es war auf jeden Fall eine total spannende Erfahrung und ich habe einiges gelernt – und das hatte ich mir ja auch erhofft.

An den Füßen hatte ich drei Paar Socken“

RUB: In der Antarktis herrschen im Winter Temperaturen bis minus 60 Grad. Wie hat Ihr Körper auf die extreme Witterung reagiert?

JD: Die Kälte ist gar nicht so extrem, wie man meinen mag. Die Luft ist sehr trocken und daher fühlt sich die Kälte nicht so schlimm an. Außerdem wird es ja langsam kälter, wenn der Winter kommt. Da zieht man dann nach und nach mehr an. Am stärksten merkt man die dünne Luft und die Trockenheit. Man ist schnell außer Atem und man muß die Haut mehr pflegen als normal, sonst werden z.B. die Lippen schnell rissig. Am Pol dauerte es auch viel länger, bis kleine Verletzungen verheilt waren. Und dann war auch der der Schlaf auch nicht so erholsam wie auf Meereshöhe, wegen der dünnen Luft.


RUB: Um von der Unterkunft zum IceCube Experiment zu kommen, mußten Sie ca. 900 Meter von der Station bis zum Experiment gehen – da hatte man wahrscheinlich schon Spezialkleidung an, oder?

JD: Ja, da hatte ich im Winter so drei Lagen Kleidung an, die unterste Schicht aus Merinowolle, darüber Fleece und darüber wieder die Arbeisthosen und den dicken roten Parka. Auf dem Kopf eine Mütze und 2 Nackenwärmer, dazu dann eine Skibrille. Außerdem verfügt der Parka noch über eine Kaputze, die viel Wind abhält. An den Händen hatte ich zwei Paar Fäustlinge und darin Handwärmer. Allerdings findet am Pol jeder so seine bevorzugte Weise sich einzukleiden, andere hatten dann etwas andere Sachen an. An den Füßen hatte ich drei Paar Socken und die blauen, isolierten Stiefel.

RUB: Sie hatten schon gesagt, dass Sie die Dunkelheit am Pol natürlich erwartet hatten. Wie hat das denn konkret auf Sie gewirkt – war es schwierig, damit umzugehen, dass es morgens gar nicht hell wird?

JD: Nein, überhaupt nicht. Es war auch nicht so dunkel wie ich gedacht habe. Man hat ja die Sterne und Auroras, und auch den sogenannten Airglow – das ist ein Nachthimmelleuchten, ähnlich wie die Auroras, aber durch UV-Licht erzeugt. Es ist also nicht total dunkel. Das ist übrigens, wenn man wie ich  Astrofotagrafie machen will, eigentlich sogar eher störend als gut.

„Es sieht dann aus wie Feuer am Himmel.

RUB: Die Station selbst besitzt ja keine Fenster, das heißt aus Ihrer Behausung heraus konnten Sie nicht sehen, ob es Aurorae gab. Wie haben Sie das dann überhaupt mitbekommen, wenn etwas am Himmel zu sehen war?

JD: Wir hatten einen Kanal im Funkgerät, das jeder bei sich hatte. Wenn jemand tolle Aurorae sah, sagte er das auf dem Kanal durch so dass alle Bescheid wussten.

RUB: Sind Sie dann jedes Mal rausgegangen, um sich die Aurorae anzuschauen, oder wird das irgendwann langweilig?

JD: Die wurden nie langweilig. Leider kann man sie nicht so auf Fotos festhalten wie sie in echt sind, teilweise bewegen sie sich sehr schnell, es sieht dann aus wie Feuer am Himmel. Ich bin immer rausgegangen, wenn eine Meldung im Funkgerät war und ich nicht arbeiten musste.

RUB: Hört sich toll an - Die Sonne geht am Südpol in einem Jahr nur ein einziges Mal auf. Die ersten Sonnenstrahlen nach der langen Finsternis des Winters sind sicher für alle am Südpol lebenden Menschen etwas ganz besonderes. Wird dieses Ereignis von den Südpolbewohnern irgendwie gefeiert?

JD: Ja, genau wie zu Sonnenuntergang gab es ein festliches Abendessen zum Sonnenaufgang. Danach wurde dann noch gefeiert. Wir hatten einen Aufenthaltsraum zum Partyraum umdekoriert, unser "Club Deep Freeze".

RUB: Kommen wir mal zum Grund Ihres Aufenthalts am Pol - das IceCube Experiment. Sie beschäftigen sich bereits seit 2004 mit IceCube. Vor zwei Jahren promovierten Sie über das Forschungsprojekt an der Technischen Universität Dortmund (Experimentalphysik Vb) bei Prof. Wolfgang Rhode. Anschließend bearbeiteten und analysierten Sie in der Arbeitsgruppe von Prof. Julia Becker (Theoretische Physik IV der Ruhr-Universität Bochum) Daten von IceCube.
Worin bestand jetzt am Südpol Ihre Aufgabe? Und wie sah ein typischer Arbeitstag aus?

JD: Ich habe zusammen mit einer Kollegin aus Belgien den IceCube Detektor betreut. Dazu gehörte in erster Linie die Überwachung der Hardware- und Softwaresysteme. Wenn etwas nicht mehr lief, haben wir es repariert, sei es durch Neustart von Softwarekomponenten, Aus- und wieder Einschalten von Hardware oder eben Tausch von Komponenten.

„Auf die Idee, Lichtverstärker im antarktischen Eis zu versenken, muss man erstmal kommen!

RUB: IceCube detektiert ja hochenergetische Neutrinos und besteht aus Instrumenten, die bis zu 2.500 Meter Tiefe im antarktischen Eis versenkt sind. Das Quadratkilometer große Array aus Lichtverstärkern sieht schwache Lichtspuren, die von Neutrinos erzeugt werden. Was fasziniert Sie persönlich an IceCube?

JD: Dass man mit IceCube Teilchen nachweisen kann, von denen der berühmte Physiker Wolfgang Pauli einst gesagt hatte, man werde sie nie nachweisen können. Davon sehen wir hier Hunderte jeden Tag. Es fasziniert mich, dass gerade, wenn ich quasi auf dem Detektor stehe, Ereignisse aufgenommen werden, die dann später nach sorgfältiger Analyse zu bahnbrechenden Erkenntnissen führen können. Und letztendlich imponiert mir auch die Einfachheit des Detektors, denn letztendlich ist IceCube recht einfach aufgebaut. Auf die Idee, Lichtverstärker im antarktischen Eis zu versenken, muss man erstmal kommen!

RUB: Im Prinzip braucht man zur Detektion der Neutrinos also nur ein klares Medium und Instrumente, die das von den Neutrinos erzeugte Licht verstärken. Von daher ist z.B. das Mittelmeer, wo es auch Neutrinodetektoren gibt, auch gut geeignet. Was unterscheidet denn IceCube konkret von anderen Neutrinodetektoren?

JD: Sie haben das schon ganz richtig zusammengefasst: Das Detektionsprinzip im Eis ist identisch mit dem eines Neutrinodetektors im Meer. Allerdings hat Eis andere Eigenschaften als Meerwasser. So gibt es im Eis keine störende Bioluminiszens – also kein Leuchten, was von Bakterien ausgeht. Außerdem bewegen sich unsere Instrumente im Eis nicht, im Meer müssen Bewegungen der Instrumente natürlich mit einberechnet werden. Auf der anderen Seite hat Wasser eine längere Streulänge - das heißt, das Licht wird weniger gestreut in Wasser als in Eis. Jedes der beiden Medien hat eben seine Vor- und Nachteile.

RUB: Nach über fünf Jahren Bauzeit ist der Detektor im Dezember letzten Jahres fertiggestellt worden. Das Experiment soll nun mindestens zehn Jahre laufen. Gibt es schon jetzt erste wissenschaftliche Erkenntnisse?

JD: Aus den Daten des kompletten Detektors gibt es noch keine veröffentlichten Ergebnisse – die werden gerade analysiert. Da wir den Detektor über mehrere Jahre stückweise aufgebaut haben, konnte man jedes Baujahr schon mal mit einem Teildetektor arbeiten. Damit wurde zum Beispiel nachgewiesen, dass der Mond die kosmische Strahlung absorbiert und einen "Mondschatten" wirft. Das ist eine wichtige Kontrollmessung für uns und zeigt, dass der Detektor gut funktioniert. Unser wichtigstes Ziel ist die Suche nach Neutrinos aus dem All. Um diese zu sehen, muss der volle Detektor aber erstmal eine Zeit laufen, um genügend Statistik zu sammeln.

„Ich habe da dann auch schon mal Currywurst für alle gemacht.

RUB: Wie sah denn eigentlich Ihr persönlicher Alltag aus? Wie gestaltet sich die Freizeit auf der Forschungsstation? – Gab es überhaupt Möglichkeiten zu entspannen?

JD: Ja, klar! In der Freizeit habe ich gelesen oder etwas Sport gemacht - die Station hat sowohl einen Fitnessraum, eine Turnhalle und eine eigene Bibliothek. Ab und zu wurden auch gemeinsam Filme und Serien geschaut.

RUB: Und Feste gefeiert, wie Sie vorher schon erwähnten! Wie war es denn um das kulinarische Wohl am Südpol bestellt – Büchsenkonserven und Astronautenfutter?

JD: Das Essen war tatsächlich sehr gut. Natürlich gab es keine frischen Zutaten, aber vieles wird durch’s Einfrieren auch nicht schlechter. Sonntags hatten die Köche frei, dann haben öfters andere Leute gekocht. Ich habe da dann auch schonmal Currywurst für alle gemacht.

RUB: Ah, dann haben Sie sozusagen die Ruhrpott-Küche an den Pol gebracht!

JD: Genau (lacht).

RUB: Und - wie ist die Ruhrgebietsspezialität bei den anderen internationalen Stationsbewohnern angekommen?

JD: Sehr gut - viele kannten das wirklich noch nicht!

RUB: Gibt es ein bestimmtes Ereignis aus Ihrem Südpol-Jahr, was Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

JD: Hm, ich fand den Airdrop sehr beeindruckend: Es wurden Medikamente benötigt, die am Südpol nicht vorrätig waren. Da im Winter kein Flugzeug landen kann, wird in Notfällen Fracht an Fallschirmen abgeworfen – ein Airdrop eben. Da war ich auch dran beteiligt, indem ich die Abwurfzone mit brennenden Fässern markiert habe. Außerdem bekamen wir mit dem Drop von der Crew des Fugzeugs Orangen.

RUB: Würden Sie nach dieser ersten Überwinterung noch mal ein Jahr in der Antarktis verbringen wollen?

JD: Ja, wenn da nicht meine Familie wäre, würde ich das sofort wieder machen!

RUB: Gut, dann noch eine abschließende Frage: Worauf freuen Sie sich am meisten nach der Rückkehr in heimische Gefilde? Was haben Sie am meisten vermisst?

JD: Meine Familie und den Hund!

RUB: Dann wünsche ich Ihnen, dass Sie sich nach dieser langen Zeit in der Isolation wieder gut einleben – Herr Dreyer, herzlichen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen
Jun.-Prof. Julia Becker, Theoretische Physik IV der Fakultät für Physik und Astronomie der RUB, Tel. 0234/32-23779

Janine Bruder, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing der Fakultät für Physik und Astronomie der RUB, Tel. 0234/32-27312