Erfahrungsbericht von Caroline Fink

Caroline Fink studierte von September 2008 zwei Semester an der Universität Orléans in Bourges, Frankreich.
Im Interview erzählt sie uns von ihren Erfahrungen.

1. Warum hast du dich für einen Auslandsaufenthalt in Bourges entschieden?

Ich wollte mal raus aus Bochum und etwas neues entdecken. Für Frankreich habe ich mich entschieden, weil ich schon immer eine große Frankreich-Affinität hatte. Ich habe mich nicht getraut, in einen komplett neuen Kulturkreis wie z.B. Asien oder Südamerika zu gehen. Und ich wollte auch nicht zu weit weg vom Heimatland sein.

2. Welches Ziel hast du dir mit dem Auslandsaufenthalt in Bourges gesteckt?

Vor allem wollte ich Spaß haben und viele Leute kennenlernen und lernen, in einer fremden Umgebung mir ein eigenes Leben aufzubauen.

3. Wie hast du dich auf den Auslandsaufenthalt vorbereitet und bei welchen Institutionen/Organisationen hast du Unterstützung gefunden?

Ich habe mich beim International Office informiert, was formal für einen Erasmusaufenthalt zu beachten ist. Weiterhin hat mir das französische Studentenwerk CROUS dabei geholfen, eine Wohnung zu organisieren und Tipps gegeben, wo ich mich z. B. versichern kann.

4. Wie hast du die ersten Tage erlebt?

In den ersten Tagen musste ich diverse bürokratische Hürden überwinden: Versicherung abschließen, Kaution bezahlen, Einschreibung, Busjahresticket kaufen, Fahrpläne der Busse checken, Stundenplan zusammenstellen. Die erste Nacht, habe ich in der Jugendherberge geschlafen und direkt eine Brasilianerin kennengelernt, die auch gerade in Bourges angekommen ist und noch nach einer Wohnung und überhaupt Orientierung gesucht hat.

5. Wo und wie hast du in Bourges gewohnt?

Ich habe in einem Studentenwohnheim in der Stadtmitte gewohnt. Mein Apartment war 16m2 groß. Ich hatte ein Bad und eine kleine Kochecke mit Kühlschrank. Das Zimmer war sehr sparsam möbliert. Aber es hat vollkommen gereicht. Die Miete betrug damals 240 Euro. Strom musste man gesondert bezahlen. WLAN habe ich mir mit meinem Nachbarn nebenan geteilt. Einziges großes Manko: Im Wohnheim gab es keine Waschmaschine, man musste immer zum Waschsalon gehen, was recht teuer war.

6. Wie gestaltete sich das Leben neben der Uni? Welchen Freizeitaktivitäten bist du außerhalb der Uni nachgegangen?

Das Leben an der Uni ist sehr strukturiert: Um 8h geht es los mit dem Unterricht, von 12h-14h ist Mittagspause und ich habe mit anderen Kommilitonen in der Mensa gegessen. Von 14h bis 18h hatte man wieder Kurse. Vom Hochschulsport aus wurde Fitnesstraining angeboten, wo ich mit einer Freundin nach der Uni hingegangen bin.

Außerhalb der Uni hat jeden Freitagabend ein Sprachencafé in einem Irish Pub stattgefunden. Studenten und angehende Lehrer haben bei einem kühlen Bier oder Cidre auf allen möglichen Sprachen wild durch die Gegend diskutiert. Ich habe viel mit meinen Freunden viel gekocht, gequatscht, gegrillt, gefeiert, diskutiert… wir haben Ausflüge in die Umgebung gemacht und an den Stadtfesten teilgenommen. Außerdem haben wir viele Filmeabende zusammen veranstaltet: im Kino, im Filmclub der Ingenieure, zu Hause, auf allen möglichen Sprachen.

7. Wie hast du das Studium in Bourges empfunden? Konntest du Unterschiede zum Studium an der RUB feststellen?

Das Studium in Frankreich war deutlich strukturierter und es war mehr vorgegeben. Die Wahlmöglichkeiten waren dementsprechend sehr eingeschränkt. Ich hatte das Gefühl, dass die Vorlesung mehr aus sturem Tafelabschreiben bestand und auch genau das später abgefragt wurde. Allerdings waren die Studierenden auch deutlich disziplinierter. Es wurde wenig gequatscht, die Mitschriften waren ausnahmslos super ordentlich und vollständig. Ich bevorzuge an meinem Studium an der RUB, dass ich viel mehr zum Problemlösen und Anwenden gebracht werde.

8. Welche internationalen/interkulturellen Erfahrungen konntest du während des Auslandsaufenthalts machen? Was hast du über die andere Kultur erfahren?

Ich habe die typische französische Lebensart kennengelernt: Auch junge Leute gehen viel in Restaurants, es gibt zu jedem möglichen Anlass einen Empfang am Lehrstuhl oder in der Fakultät und im Freundeskreis wurde regelmäßig ein Crêpesabend gemacht. Ich war auch auf einem Volksfest in einem Dorf mit Tanz. Die französische Sprache ist den Franzosen sehr wichtig. Vor dem Englischen scheuen sie sich ein wenig.

Ich habe aber auch mit anderen ausländischen Studierenden viel Neues kennengelernt: Ein türkischer Freund hat viel Musikalisches beigesteuert, eine Spanierin und zwei Tschechinnen haben viel gekocht, und immer wurde ein Mix aus Englisch, Französisch und diversen anderen Sprachen gesprochen. Außerdem habe ich viel über das französische System gelernt: Bildung, Schulsystem, ein wenig Politik, Zusammenleben etc.

9. Wie verhält es sich mit den Studiengebühren in Bourges und wie schätzt du die Lebenshaltungskosten für Bourges im Vergleich zu Deutschland ein?

Soweit ich weiß, muss man in Frankreich keine Studienbeiträge oder ähnliches zahlen. Es gibt den üblichen Semesterbeitrag, der deutlich geringer ist als an der RUB, da kein Studiticket enthalten ist. Der wurde mir aber dank Erasmusvereinbarung erlassen. Die Lebenshaltungskosten sind ein bisschen teurer als in Deutschland. Die Mieten sind höher, aber bezahlbar, zumindest in Bourges.

10. Könntest du dir vorstellen nach Studienabschluss in Frankreich zu arbeiten?

Für eine Promotion könnte ich mir vorstellen, noch einmal nach Frankreich zu gehen. Auch für einige Monate dort zu arbeiten wäre ok. Aber dauerhaft dort leben möchte ich nicht.

11. Was hat dir am besten gefallen?

Das Zusammenleben und zusammen Erleben mit meinen neugewonnenen Freunden, internationale wie französische, hat mir am meisten gefallen. Der Aufenthalt lebte sehr davon, dass ihn viele andere mitgestaltet haben.

12. Wie lautet dein Fazit für alle, die auch ein Semester in Frankreich verbringen wollen?

Ein Auslandsaufenthalt ist allgemein eine tolle Sache, die einen sehr weiterbringt. Die Sichtweise auf sich selbst und das Heimatland verändert sich.

Die Franzosen sind ein sehr warmherziges und gastfreundliches Volk und freuen sich über Dich.

Geht selbstbewusst und offen los und entdeckt auch in den kleinsten Städtchen, dass dort richtig was los ist. Lasst Euch nicht von Bürokratiehürden abschrecken!